News aus der Ukraine – Dezember 2025
Treffen in Krakau

v.l.n.r. Anna Liashuk, Renata Trottmann, Sina Stiffler, Nataliya Nechukhaeva, Olha Shpak, Iris Burkhalter, Jolanta Jozefowski, Pia Trümpler, Marie-Jeanne Bosia
Liebe Soroptimists
Im Oktober trafen sich Hunderte von europäischen Soroptimistinnen während des SIE-Kongresses in Krakau. Wir stiegen einfach in ein Flugzeug oder einen Zug, und wenn es während der Reise zu Verspätungen kam, war das für uns schon eine Quelle von Stress. Stellen Sie sich die Reise einer Soroptimistin aus Kyjiw nach Krakau vor. Stellen Sie sich eine Wartezeit von mehr als 10 Stunden an der Grenze vor, um rechtzeitig zum Governor’s Meeting oder zum Kongress zu gelangen.
Es war mir eine grosse Freude, Soroptimistinnen aus ganz Europa wiederzusehen, darunter fast 60 aus der Schweiz. Ich habe mit ihnen gelacht, die Begrüssungen und die allgemeine Aufregung prägten unser Treffen in Krakau – einer wunderschönen Königsstadt, der ehemaligen Hauptstadt Polens zur Zeit der Könige.
Wir trafen uns zum letzten Mal beim Abendessen der Föderation, fast 400 Soroptimistinnen, und plötzlich wurde ich in dieser wunderbaren Atmosphäre der Freundschaft mit dem Unbehagen von Olga, einer Soroptimistin aus Lviv, konfrontiert. Sie ertrug die Menschenmenge und den Lärm des Geschwätzes und Gelächters einfach nicht. In Momenten wie diesen müssen wir uns bewusst sein, wie stressig unsere sogenannten normalen Reaktionen für Menschen sein können, die täglich zwischen Bombenexplosionen, tödlichen Drohnenangriffen und der Angst um das Leben ihrer Angehörigen leben.
Die ukrainischen Soroptimistinnen sind sowohl sehr stark als auch gleichzeitig extrem zerbrechlich. Unsere Union möchte ihnen nach Kräften helfen, indem sie versucht, ihnen den Alltag zu erleichtern, zum Beispiel mit Weihnachtsgeschenken. Sie zeugen von großer Stärke, Empathie, Dankbarkeit uns gegenüber, Freundschaft und Menschlichkeit.
Im Interview von Pia mit Anna Liashuk aus Kyjiw, die in Krakau anwesend war, lesen Sie über ihre Freude und Dankbarkeit, dass sie am Kongress teilnehmen konnte, während ihre Gedanken ständig bei ihren Kindern und ihrer Familie in der Ukraine waren, die zur gleichen Zeit unter Bombenangriffen litten oder sich im Keller versteckten.
Sie verstehen jetzt, dass es in dieser Situation anstrengend ist, die NORMALITÄT nicht zu ertragen! Das Interview veranschaulicht diese Dichotomie der Emotionen und Gefühle, aber am Ende haben die Frauen Pläne für die Zukunft, und das ist außergewöhnlich. Zunächst einmal, einem behinderten Kind ein Spielzeug zu Weihnachten zu schenken…
Liebe Freundinnen, nehmt euch ein Beispiel an der positiven Einstellung, der Stärke und dem Engagement der ukrainischen Soroptimistinnen für das Leben in unseren Clubs. Seid großzügig und helft den Frauen im Kriegsgebiet, indem ihr eine Weihnachtsspende auf unser Konto für die Ukraine überweist.
Ich wünsche euch allen frohe Festtage und ein glückliches neues Jahr in Frieden, Gelassenheit und Liebe.
Jolanta Jozefowski
Präsidentin SI Schweizer Union 2025-2026
🎤 Interview mit Anna Liashuk
von Pia Trümpler

Anna ist aktuell Präsidentin des SI Club Kyjiw und seit 12 Jahren Mitglied von Soroptimist. Sie ist Deutsch- und Englischlehrerin an einer Primarschule. Ihre Kinder sind 5 und 16 Jahre alt, ihr Mann ist Offizier in der ukrainischen Armee. Zusammen mit ihrem Klub engagiert sie sich neben der Familien- und Berufsarbeit in verschiedenen Projekten.
Als Mitglied der Ad-hoc Kommission Ukraine-Hilfe war mir Anna einzig von unserer E-Mail-Korrespondenz bekannt. Ich freute mich sehr, diese junge, dynamische Ukrainerin in Krakau anlässlich des Kongresses Ende Oktober kennen zu lernen. Nach ihrer Rückreise aus Polen durfte ich mit Anna aus der Ferne ein kurzes Interview führen.
Nach einer langen und sehr anstrengenden Reise von Kyjiw nach Krakau bist du in Polen angekommen. Wie ist diese Reise verlaufen und fühltest du dich bei der Ankunft?
Ich war sehr müde und erschöpft. Die Busfahrt hatte sich wegen langen Wartezeiten an der polnischen Grenze (wir mussten zehneinhalb Stunden warten und erlebten zwei Pannen) in den Abend verlängert. Geplant war eine Ankunft um 13 Uhr, tatsächlich kam ich erst um 20 Uhr im Hotel in der Nähe des Kongresszentrums an. Die Reise war auch stressig für mich, weil ich mir ständig Sorgen um meine Kinder und meinen Mann machte. Weg von Zuhause zu sein war wirklich schwierig für mich.
Und anderntags ging es für dich bereits los mit dem Governor’s Meeting (GM).
Ja, genau. In der Ukraine bilden wir mit unseren fünf SI Clubs keine Union, sondern gelten als sogenannte Single Clubs. Als Präsidentin von SI Club Kyjiw war es also wichtig, dass ich daran teilnahm, am anschliessenden zweitägigen Kongress habe ich nicht teilgenommen. Ich hörte inspirierende Neuigkeiten von unserem Vorstandsteam, wo die Mitgliederentwicklung durch Stipendien, die Leadership Academy und das Mentoring weiter gestärkt wird. Ich lernte, wie wir durch lokale Projekte mit Fokus auf unsere gemeinsamen Ziele Advocacy, Awareness, Action (Triple A) uns für Frauen und Mädchen weltweit einsetzen. Wir haben auch einen neuen Vorstand für 2026–2027 und eine Präsidentin für 2028–2029 gewählt. Am Abend habe ich an einem wunderbaren Galadinner teilgenommen. Dort habe ich viele interessante Gespräche geführt. Ich habe von unserem Projekt mit Binnenflüchtlingen aus den Ostgebieten (Bachmut, Donezk, Luhansk) berichtet. Diese Frauen haben alles verloren und wohnen in Modulhäusern mit Räumen von nur 12 Quadratmetern. Sie teilen sich Küche und Toilette. Das Projekt ist im SOS Dorf Brovary. Dort gab es für rund 20 Personen Veranstaltungen mit Arttherapie, Musiktherapie, aber auch Gespräche mit dem Psychologen. Sehr interessant war ein Ausflug in ein Freilichtmuseum bei Kyjiw. Nach einem Konzert mit ukrainischer Musik genossen wir alle ein gemeinsames Mittagessen. Wir planen für den 14. Dezember eine Exkursion nach Kyjiw mit Theaterbesuch für die Mütter und Puppentheaterbesuch für die Kinder. Ich denke, es wäre sehr schön und wichtig, dieses Projekt fortzusetzen, weil viele schon jetzt fragen, was später kommt. Wir sehen mit jedem Treffen, wie sich die Leute entspannen und versuchen, einen neuen Anfang zu machen.
Du hast zum ersten Mal an einem europäischen GM teilgenommen. Wie hast du dich zurecht gefunden?
Dank meinen Deutsch- und Englischkenntnissen und dank Nataliya, der SI Präsidentin aus Dnipro an meiner Seite, habe ich vieles von der Generalversammlung verstanden. Dass wir in Kyjiw bereits das neue Logo verwenden, hat mich gefreut. Aber ich habe auch erlebt, dass es bei der Versammlung nicht nur um Arbeit geht, sondern darum, langjährige Freundinnen wiederzusehen und neue Freundinnen zu finden. Diese starke Gemeinschaft zu spüren hat mir sehr gut getan.
Etwa 1‘000 Soroptimists aus ganz Europa waren anwesend.
Und stell dir vor, von meinen Facebook-Freundinnen habe ich einige nun persönlich kennengelernt und konnte mich mit ihnen austauschen. Es war schön, Rima Sliaziene vom Club Vilnius zu treffen. Anna Wszelaczynska und Renata Trottmann haben bei mir einen grossen Eindruck hinterlassen. Diese Frauen verstehen ihr Handwerk. Renata hat die ukrainischen Clubs immer unterstützt und besuchte unseren Club anlässlich unseres letzten Jubiläums. Als der Krieg vor vier Jahren ausbrach, bin ich mit den beiden Kindern in die Schweiz geflohen. Aber bereits im darauffolgenden Sommer habe ich mich umentschieden und wir reisten via Warschau wieder in unsere Heimat zurück. Einige polnische Soroptimists, darunter die Unionspräsidentin Ewa Pawlowska, haben mich damals bei meiner Heimreise aus der Schweiz sehr unterstützt. Ich konnte mich am GM in Krakau für diese Hilfe nochmals herzlich bedanken. Und ein sehr grosser Dank geht an die Schweizer Union, respektive die Ad-hoc Kommission. Ich konnte fünf Soroptimists kennenlernen, ihre Unterstützung für unsere sozialen Projekte in der Ukraine ist enorm wichtig und hilfreich. Auch vor Ort in Krakau haben sie mir sehr geholfen.
Dann liessen dich diese freundschaftlichen Begegnungen wohl die ständige Sorge um deine zurückgebliebene Familie etwas vergessen?
Oh nein. Es war sehr schwierig für mich. Körperlich war ich in Krakau, aber mit meinem ganzen Herzen und meiner ganzen Seele war ich in der Ukraine bei meiner Familie. Eswar mir vollkommen bewusst, dass ich mich gerade in Sicherheit befand, während meine Familie, mein Mann und meine Kinder weit weg in der Ukraine waren und jederzeit Alarm ausgelöst werden und ein massiver Raketenangriff beginnen könnte. Und genau das ist passiert: Während meines Aufenthalts in Krakau erlebten meine Liebsten einen massiven Raketenangriff. Meine Familie musste die ganze Nacht ohne Schlaf im Keller verbringen und den Geräuschen von Raketen und Explosionen lauschen. Am Morgen gab es den ganzen Tag kein Licht, es war kalt.
Nach drei Tagen in Krakau hast du dich bereits auf deine Rückreise gemacht. Wie ist diese verlaufen?
Gottlob einfacher. Am Freitag, dem 25. Oktober, war es regnerisch und kühl, ich musste auf meinen Bus warten, das war unangenehm. Aber bis nach Hause hatten wir nur dreieinhalb Stunden Verspätung. Zuhause warteten meine Liebsten, mein Mann und meine Kinder, auf mich. Mein Mann hatte sogar einen Kuchen für mich gebacken und mich mit Blumen empfangen. Ich kehrte in Hochstimmung nach Hause zurück, denn ich war von den vielen Frauen inspiriert, die ich während des Treffens und des Kongresses in Krakau kennengelernt hatte.
Was sind aktuell die grössten Schwierigkeiten im Bezug auf euer Clubleben in Kyjiw?
Natürlich hat sich unser Club verändert. Der Krieg verschont niemanden. Ein Teil der Clubmitglieder ist zu Beginn des Krieges ins Ausland geflohen, um sich in Sicherheit zu bringen. Während des Krieges haben drei Mitglieder den Club verlassen. Aufgrund des Krieges können wir keine neuen Mitglieder aufnehmen. Wir vermissen unsere gemütlichen, optimistischen und herzlichen Treffen. Jeden Tag leiden wir unter den Angriffen unter psychischer Gewalt, die unsere Gesundheit beeinträchtigt. Wir halten so gut es geht durch, um weiterhin Projekte zu organisieren, unseren Schwestern im Ausland von den Ereignissen in der Ukraine zu berichten und andere mit unserem Beispiel, unserem ungebrochenen Geist und unserem Mut zu inspirieren. Jede Frau, die derzeit in der Ukraine lebt, kämpft um ihre Existenz und versucht mit aller Kraft, sich selbst, ihre Kinder und ihre Familie zu schützen.
Hast du einen Wunsch für das nächste Jahr?
Ich habe einen großen Wunsch für das nächste Jahr. Ich möchte, dass der Krieg in der Ukraine endlich aufhört und alle ukrainischen Frauen, Kinder, Männer und älteren Menschen nicht mehr unter Gewalt und Raketenangriffen leiden müssen. Ich wünsche mir, dass die Ukraine wie ein Phönix aus der Asche wiederauferstehen kann. Ich wünsche mir, dass alle nach Hause zurückkehren und wir das Jubiläum unseres Vereins und den Sieg der Ukraine feiern können.
Jetzt, während ich Pias Fragen beantworte, haben wir wieder Alarm und bald wird der Strom ausfallen. Wir werden ohne Verbindung und ohne Heizung sein und psychischer Gewalt ausgesetzt sein. Die untenstehenden Fotos zeigen, wie ich bei Alarm den Unterricht im Keller ohne Strom abhalten muss.
Danke, liebe Anna, und von Herzen alles Gute!

