Renata Trottmann Probst ist Präsidentin von Soroptimist International.
Sie ist seit 1996 Soroptimistin und hat sowohl in Ihrem Club als auch in der Schweizer Union verschiedene Chargen innegehabt. Von 2017 bis 2019 engagierte sie sich als Präsidentin von Soroptimist International of Europe. Ihr Motto war und ist «We stand up for Women». Diesem Motto bleibt sie treu, ihr SI-Fokus-Thema ist Frauen-Gesundheit (Women’s Health).
Die Schweizerin ist Juristin, verfügt über langjährige Führungserfahrung im internationalen Banking sowie in der selbstständigen Beratung, und studierte Applied History. Sie lebt in Zug, ist halbe Tessinerin und findet Ausgleich bei langen Spaziergängen mit ihrem Hund.
Global führen, lokal verwurzelt: Renata Trottman Probst im Gespräch.
1. Renata, dein Weg hat dich von der Schweiz an die Spitze unserer weltweit aktiven Organisation geführt. Wann hast du zum ersten Mal gespürt, dass dein Engagement über die Landesgrenzen hinauswirken könnte?
Nach dem Abschluss meines Studiums in Bern habe ich einige Jahre in Kanada verbracht und dort einen LL.M. (Master of Laws) erworben. In einem internationalen Umfeld habe ich mich immer wohl gefühlt, weshalb ich stets in weltweit operierenden Organisationen gearbeitet habe. Auch als Mitglied der Statutenkommission der Europäischen Föderation von SI hatte ich Gelegenheit, mich in einem internationalen Kontext einzubringen. Dieser Schritt hat meinen weiteren Weg entscheidend geprägt.

2. Gab es auf deinem Weg ein Erlebnis, das dein Engagement für Frauen und Mädchen besonders geprägt hat?
Als Frau hatte ich selbst nie das Gefühl, benachteiligt zu sein, also kein besonderes, einschneidendes Erlebnis. Mir war aber immer bewusst, dass Frauen weltweit nicht die gleichen Rechte und Chancen haben wie Männer.
In der Schweiz sind Frauen zwar juristisch gleichgestellt, es zeigt sich aber im Alltag, dass Gleichstellung leider noch nicht in allen Bereichen Realität ist. Auch waren Männer lange Zeit sozusagen «das Maß aller Dinge» – mit konkreten Nachteilen für Frauen. Man denke nur an die medizinische Forschung und an zahlreiche Sicherheitsstandards, die auf Grösse, Gewicht oder Kraft eines Mannes ausgelegt sind.
Eine grosse Herausforderung ist der Stellenwert der Frauen bei der Entwicklung und Anwendung der Künstlichen Intelligenz (KI). In den Entwicklungsteams arbeiten nur etwa 20% Frauen, die weibliche Perspektive ist also unterrepräsentiert. Die KI-Systeme werden zudem mit historischen Daten trainiert, die sich männerlastig präsentieren und dadurch zu diskriminierenden Ergebnissen führen. Exponierte Frauen sind ausserdem überproportional Belästigungen und den sogenannten Deepfakes (gefälschte pornografische Bilder oder manipulierte Videos) ausgesetzt.
3. Wo siehst du aktuell die größten Hürden für Frauen weltweit – und wo erkennst du echte Fortschritte?
Weltweit sehe ich ein gemischtes Bild: In vielen Ländern wurden beim Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung oder wirtschaftlicher Beteiligung wesentliche Fortschritte erzielt. In anderen Regionen der Welt, ich denke insbesondere an Afghanistan und den Iran, haben Frauen massive Rückschläge erdulden müssen. In Krisensituationen muss eine Regierung sparen. Die Frauen gehören zu den ersten, deren sowieso schlecht bezahlte Jobs gestrichen werden. Öffentliche Dienstleistung erwartet man trotzdem, unentgeltlich und damit ohne soziale Absicherung.
Bei einem der wichtigsten Themen, der Gewalt gegen Frauen, sind leider keine Fortschritte zu sehen, im Gegenteil. In wirtschaftlichen Krisenzeiten (zum Beispiel einer Pandemie) nimmt die Zahl häuslicher Gewalt zu, bei bewaffneten Konflikten wird Gewalt gegen Frauen gezielt als Mittel der Kriegsführung eingesetzt.

4. Wenn deine Amtszeit in zwei Jahren endet – was möchtest du erreicht haben?
Innerhalb von SI möchte ich dazu beitragen, dass unsere Föderationen mit der Weltorganisation enger zusammenarbeiten und unsere Gemeinschaft weiter zusammenwächst. Ich wünsche mir, dass unsere Soroptimistinnen erkennen, wie wertvoll ihre Arbeit für die gesamte Organisation ist. Soroptimist International lebt von den unzähligen Projekten, die Clubs und Unionen weltweit umsetzen. Nur durch ihre Arbeit kann SI die Bedeutung haben kann, die sie heute geniesst. Entscheidend dabei ist, dass alle Projekte mit unseren fünf Pfeilern im Einklang stehen: Bildung, Stärkung, Nachhaltigkeit, Gewaltfreiheit und Gesundheit.
Die systematische Erfassung aller Projekte via den Programm Focus Report (PFR) dient als Grundlage, unseren hohen Rang beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen (ECOSOC) erhalten zu können: den höchsten formellen Beratungsstatus, den General Consultative Status. Von knapp 6’500 akkreditierten NGO’s haben nur 138 diesen Status, darunter lediglich 13 Organisationen mit klarem Schwerpunkt auf Frauenrechte. Wir sind stolz auf diese Position, doch wir müssen weiterhin qualitativ hochwertige, wirksame und sichtbare Leistungen erbringen, um sie langfristig zu sichern. Nur so können wir Frauen weltweit eine Stimme geben.
5. Wir haben gehört, dass es neu ein SI Focus Thema gibt – was bedeutet das?
Der frühere President’s Appeal war auf zwei Jahre Amtszeit begrenzt, zu kurz, um ein Thema wirklich vertieft zu behandeln. Wir führten daher ein mehrjähriges SI-Focus-Thema ein, das erste ist ‚Women’s Health‘ (Gesundheit der Frauen). Es wird bereits von vielen Unionen und Clubs bearbeitet, darunter auch unsere Schweizer Union mit ihrem Projekt ‚Emotionen in Rosa‘. Ich bin überzeugt, dass dieses Thema viele Soroptimistinnen ansprechen und zu guten Programmideen inspirieren wird.
Women’s Health betrifft aber nicht nur die medizinische Versorgung im engeren Sinne. Es ist ein ganzheitliches Konzept, das einen umfassenden Zugang zu Gesundheitsleistungen auf körperlicher, psychischer und emotionaler Ebene gewährleistet, und das soziale und ökologische Faktoren berücksichtigt. Jeder unserer 5 Pfeiler ist damit abgedeckt. Frauen-Gesundheit ist das zentrale Ziel und ein Menschenrecht. Wir setzen uns für Geschlechtergleichstellung und eine widerstandsfähige Gesellschaft mit integrativem Wirtschaftswachstum ein. Eine gezielte, integrative und evidenzbasierte Investition für künftige Generationen.
6. Die Schweizer Union von Soroptimist International ist sehr stolz, dass du dieses Amt übernommen hast. Was bedeutet es dir persönlich, als Schweizerin Präsidentin der Weltorganisation zu sein?
Ich empfinde vor allem Dankbarkeit und Verantwortung. Schweizer Werte wie Dialog, Verlässlichkeit und das Brückenbauen prägen meine Arbeit – stets im Bewusstsein, dass dieses Amt über die Person hinausgeht. Zugleich bin ich mir des Privilegs bewusst, aus einem Land zu stammen, das mir Sicherheit, Stabilität und Chancen bietet. Die Ausgangsbedingungen für Frauen weltweit sind eklatant verschieden. Dieser Aspekt trägt für mich eine Verpflichtung in sich: Betrachte das eigene Privileg nicht als selbstverständlich, sondern stelle es in den Dienst jener, die unter erschwerten Bedingungen für dieselben Ziele kämpfen.

7. Welche Botschaft möchtest du jungen Frauen mitgeben, die Verantwortung übernehmen wollen, sei es in der Gesellschaft, der Politik oder der Wirtschaft?
Aus eigener Erfahrung ist mein wichtigster Rat: Bleibt offen – auch für Wege, die nicht dem ursprünglichen Plan entsprechen. Lebens- und Karrierewege verlaufen selten geradlinig. Oft sind es gerade ungeplante Wendungen, die neue Perspektiven eröffnen.
Gleichzeitig ist es wichtig, für die eigenen Überzeugungen einzustehen und sich nicht entmutigen zu lassen. Verantwortung zu übernehmen bedeutet auch, unbequeme Positionen zu vertreten und mit Widerstand umzugehen. Sucht euch Mentorinnen und Mentoren, baut tragfähige Netzwerke auf und unterstützt andere Frauen auf ihrem Weg.
Und schliesslich: Habt keine Angst vor Fehlern. Sie gehören dazu und sind oft die wertvollsten Lernmomente. Entscheidend ist, authentisch zu bleiben und den eigenen Weg zu gehen – nicht den, den andere für euch vorgesehen haben.

8. Wenn du einen Wunsch für die Zukunft von Soroptimist International frei hättest – welcher wäre das?
Mein Wunsch wäre, dass wir eines Tages keine Organisationen wie Soroptimist International mehr brauchen, weil wir in einer Welt leben, in der Frauen tatsächlich gleichberechtigt sind. Solange dies jedoch noch eine Vision ist, wünsche ich mir, dass Soroptimist International so lange wie nötig aktiv ist, und, dass immer wieder Frauen bereit sind, diese Mission mitzutragen: Klare Werte, offen für Neues und weltweit engagiert.
